Enthüllungen oder: Was besser ungesagt bliebe.

Ich besitze neuerdings eine Coldplay CD. Das ist schon, also … nun ja. Aber kürzlich fuhr ich nach H. und da kam dieses Lied im Radio und dann dachte ich: Moment mal, was singt der da gerade? „Nobody said it was easy“, sang er und plötzlich war nicht mehr ich am Steuer, sondern Zach. Zach, der gerade nach Rostock fährt und Erdbeer-Helen im Auto hat und jetzt schon weiß, dass es zu dem Part kommen wird, an dem es Zeit „for us to part“ ist (ja, das war jetzt ein ziemlich doofer Wortwitz, tschuldigung). Und dann habe ich mir an der nächsten roten Ampel diesen Fetzen („nobody said it was easy“) notiert, denn da wusste ich ja noch nicht, wer da singt (sowas verraten die ja nie, im Radio). Dass es am Ende Coldplay* war, hat mich dann schon etwas entsetzt, aber was will man machen. Zach wäre wohl auch nicht begeistert, aber selbst er muss zugeben, dass es einfach passt. Muss er nicht, wird er nicht, egal, ich weiß es trotzdem.

Ach ja, Zach ist natürlich ein Romanheld, falls Sie sich schon gewundert haben. Ein zu Ende geschriebener. Momentan schreibe ich an einer neuen Geschichte und die Gefahr, dabei Coldplay zu hören, ist deutlich geringer. Diese Geschichte tendiert eher in Richtung Nine Inch Nails und damit kann ich gut leben, genauso wie mit dem von Biffy Clyro inspirierten Arbeitstitel: Not the lucky ones (aus: Saturday Superhouse, Puzzle).

Aber man weiß ja nie, was die im Radio so spielen, wenn man gerade nach H. fährt.

 

* “The Scientist“ aus „A Rush Of Blood To The Head“

Don’t.

Es gibt also Leute, die haben Don’t-Do-Listen, an die sie sich glücklicherweise nicht halten. Wo käme man da auch hin.

Ich habe keine Don’t-Do-Liste, aber hätte ich eine, wäre Punkt Eins auf der Liste: im Selbstmitleid versinken. Natürlich würde ich mich auch nicht daran halten, wie auch, falls jemandem etwas dazu einfällt, bitte gerne, ich bin sehr daran interessiert.

Ich tue es also, viel zu oft und wenn ich es tue, versinke ich voll und ganz in sämtlichen Don’t-Dos, die das Selbstmitleid so mit sich bringt. Das ist wohl so ähnlich wie mit dem Garten: ein Punkt auf der Liste => 2077 Punkte auf der Liste,

Um mich von all dem Selbstmitleid abzulenken, sitze ich dann zum Beispiel auf der Couch und lese Bücher, bei denen man schon am Cover erkennt, was passieren wird, die einzigen offenen Fragen: Heißt die Heldin Lucy oder Sophia? Und: Welche Augenfarbe hat eigentlich der Held?

Und obwohl so klar ist, was passiert, lege ich das Buch erst gegen 03:00 Uhr zur Seite, frage mich, wer all die Chips und Gummibärchen gegessen hat, schaffe es gerade noch, die Zähne zu putzen und will am nächsten Tag überhaupt rein gar nicht aufstehen. Was noch nicht einmal am Schlafmangel liegt, sondern an den Chipstüten, mit denen ich nach dem Aufstehen konfrontiert wäre. Und den To-Do-Listen, die so lang sind wie eh und je, denn die Bücher, die Couch und die Chips sind leider nichts, was ich darauf abhaken könnte. Ich tue mir also schon wieder leid, was im schlimmsten Fall dazu führt, dass ich mich daran erinnere, dass ich zwei solcher Bücher vom Flohmarkt mit nach Hause gebracht habe … Hurra, Endlosschleife.

Und jetzt schreibe ich diesen Beitrag, der im Grunde auch nur aus Selbstmitleid besteht, was die Sache nicht besser macht, aber na ja, wofür ist so ein Blog denn da, wenn nicht, um sich selbst leid zu tun (darauf jetzt bitte keine Antworten).

Und immerhin habe ich die Bücher auf Englisch gelesen.

Ein Snowboard im Wohnzimmer, Teil IV. Oder: Frühling.

Es liegt immer noch im Wohnzimmer. Das Snowboard. Ich will es einfach noch nicht zurückgeben. Seinem rechtmäßigen Besitzer, der mich dann wieder fragen wird, wie es war und … argh. Versagt. Irgendwie.

Draußen tobt der Frühling, drinnen klicke ich beim ZDF durch die Olympia Mediathek. Snowboarder in einer Halfpipe. Erstaunlicherweise sieht das gar nicht soooo angsteinflößend aus, aber das kann auch daran liegen, dass ich vorher auf Skifahrer in der Halfpipe geklickt habe und – um Himmels willen. Völlig irre.

Draußen tobt also der Frühling und ich gebe mein Bestes, ihn zu ignorieren, nur dummerweise geht er davon auch nicht weg. Ich werde es dann wohl doch zurückbringen, das Snowboard, der Winter kommt bestimmt nicht mehr. Schließlich ist schon längst dieser nervige Frühling da. Ja, er ist grün, er riecht gut, die Sonne und die bunten Krokusse und wenn dann erst die Obstbäume blühen und überhaupt.

Hmpf.

Mich erinnert er daran, dass scheinbar alles und alle um mich herum mehr Energie haben als ich. Dass scheinbar alle dieses platzend Pralle, raus damit, gib alles total gut finden, während in meinem Kopf nur die To-Do-Listen länger werden. Kein Wunder, denn mit dem Frühling kommt „der Garten“ auf die Liste. „Der Garten“ – das ist der Sammelbegriff für zweitausendsiebenundsiebzig Einträge, die sich in einer Endlosschleife tummeln.

Ja, so ein Garten ist toll, genau wie der Frühling. Man kann sich mit einem Liegestuhl mitten hineinlegen, sich von der Sonne bescheinen und von Hummeln unterhalten lassen. Aber wie stellt man all die Stimmen ab, die Arbeitsanweisungen geben?

Darum mag ich den Winter. Richtigen Winter, wenn der Garten hinter Schnee und Eis verschwindet und der einzige Punkt auf der To-Do-Liste Schneeschippen ist.

Termine.

Drohend stehen sie im Kalender. Als ich sie eingetragen habe, erschienen sie noch ganz harmlos und ich habe mir vorgemacht, dass ich mich sogar darauf freue.

Ist ja noch lange hin.

Ha.

 

Doch nicht mehr so lange.

Wirklich, ich sollte absagen. Zu müde. Zu weit weg. Was soll ich denn da. Das wird doch nichts. Saublöde Idee, echt jetzt, warum habe ich mich darauf nur eingelassen? Am besten, ich rufe an und sage ab. Am besten, ich drehe vor dem Eingang um und tue so, als wäre ich nie dagewesen.

Tue ich aber nicht. Weil die Ausreden in dem Fall rein gar nichts mit Bauchgefühl und Co. zu tun haben, sondern einzig und allein mit Angst haben: Weil ich mich fürchterlich blamieren werde. Weil ich ganz bestimmt einsam in einer Ecke herumstehen werde. Mich schrecklich langweile. Ausgelacht werde. Blöde Dinge sage. Blöde Dinge tue. Niemals nicht dazugehören werde.

Da fällt mir schon was ein.

Aber dann drehe ich doch nicht um, sondern mache die Eingangstür auf und sage Hallo.

 

Später, wenn sich die Tür wieder hinter mir schließt und ich mich auf den Heimweg mache, erfüllt mich oft ein seltsam euphorisches Glücksgefühl. Ich war dort. Ich war gar nicht so allein, habe mich gar nicht so blöd angestellt. Es hat sogar richtig Spaß gemacht.

Na sowas.

 

Man sollte meinen, ich hätte dann etwas dazugelernt. Pustekuchen, der nächste Termin kommt bestimmt.

20 Fünfer

20Fuenfer

Mit dem Schreiben, das ist ein bisschen wie mit dem Skifahren (oder mit allem?). Manchmal denke ich, ich kann’s wohl doch nicht. Oder dass es keinen Wert hat, die Mühe nicht wert ist. Weil immer noch keine Antwort im Postfach ist, geschweige denn im Briefkasten oder sonst wo. Weil es so viele gibt, die es auch können, besser können, anders können.

Aber auf einmal ist er wieder da, dieser Moment, an dem ich ein begeistertes Grinsen im Gesicht habe, wegen der Geschichte, meiner Geschichte, oder weil ich mich den Berg hinunterstürze und dabei lauthals „Jiha!“ rufe.

Der Moment, an dem ich merke, dass es doch etwas nützt, daran zu glauben. Und bis dahin immer schön fleißig die Frösche für die Beinmuskulatur zu machen oder – was das Schreiben angeht – mich über leere Wortansammlungen hinwegsetzen, denn: irgendwann wird er schon wieder kommen, dieser Moment, der mit den richtigen Wörtern. Und wenn er kommt, weiß ich, er ist tatsächlich die Mühe wert, auch wenn ich natürlich irgendwann wieder in einem Schneehaufen stecken bleiben werde, weil es einfach dumm gelaufen ist oder weil 20 Frösche eben doch besser sind als 15 – wie bei Bluff, dem Würfelspiel: wo 15 Fünfer sind, sind auch 20 Fünfer. Und manchmal sind es tatsächlich 20 Fünfer und schon ist er da. Der Moment.

Ein Snowboard im Wohnzimmer, Teil III.

Oder: Mehr! Mehr Urlaub. Mehr Schnee. Mehr kalt. Mehr Winter. Überhaupt Winter.

Jedenfalls: Das Snowboard liegt schon wieder im Wohnzimmer. Im Wohnzimmer liegt überhaupt ziemlich viel herum, denn noch weniger als für den Urlaub einpacken mag ich nach dem Urlaub auspacken. Noch stapelt sich dort also alles, was man so braucht, beziehungsweise gebraucht hat: Skisocken, zum Beispiel. Skibrille, kaum gebraucht.  Sonnenbrille, viel gebraucht. Sonnencremetube, kaum noch was drin.

Auf dem Sofa liegt nichts, nur die Katze. Die freut sich: endlich ist das Personal wieder da. Das Personal hat eine ausgewachsene Nach-Urlaubs-Melancholie. Kein Schnee. Keine Piste. Keine Berge. Kein Schaukelstuhl. Keine Badewanne.

Ab und an rieche ich an meiner Winterjacke (die noch den Urlaubsduft à la Schnee-Sonnencreme-Wintersonnenluft+einGanzKleinBisschenSchweiß in sich trägt). Hach. Dort, wo wir waren, hat es jetzt Neuschnee. Hier regnet es an die Fensterscheibe. Ziemlich klar, wo ich jetzt lieber wäre.

Und ach ja, die Sache mit dem Angst haben (mit einem Snowboard an den Füßen). Ähm. Nun ja. Ich bin nicht über Lektion 2 hinausgekommen: J-Turns. Und selbst da weiß ich nicht, ob das nun tatsächlich geklappt hat oder ob es nicht doch eher Zufall war.

Aber ich habe fleißig anderen Snowboardern beim Salto schlagen zugesehen. Wobei es dafür vermutlich einen viel cooleren Ausdruck als Salto schlagen gibt.

Und nebenbei bin ich auch noch Ski gefahren. Inklusive Angst haben. Einen kurzen Moment lang felsenfest davon überzeugt sein, jetzt doch endlich Skifahren zu können. Dann in einem Schneehaufen hängen bleiben und dem Übermut geschwind wieder Ade sagen. Bis zum nächsten Moment. Denn, um mal Bode Miller zu zitieren: „Sei schnell. Sei schneller. Hab Spaß dabei.“* Spaß hatte ich.

Und ist ja alles gut gegangen. Die Ski allerdings ziemlich mitgenommen (Huch. Wo kam der Stein plötzlich her?). Ich selbst nur einen blauen Fleck am Knöchel und den habe ich mir geholt, als ich mit bloßen Füßen an einem Sonnenschirmständer hängengeblieben bin (ja tatsächlich, im Skiurlaub).

Mal sehen, vielleicht verirrt sich ja doch noch die eine oder andere Schneeflocke hierher.

 

* Kapitelüberschriften aus seinem Buch „Wie ich allen davonfuhr“. Das nächste Kapitel heißt übrigens: „Mach deine Sache gut“. Ähem. Nun ja.

Mehr Aggressive Yoga.

Heute Morgen beim Yoga sämtliche Bedenken ignoriert, auf Thorsten Otto, Stefan Parrisius und Co. verzichtet und stattdessen das aufgelegt, was der MMM „böse Musik“ nennt.

„Shut up when I’m talking to you“

Gestern bei der Freundin einen Kinder-Boxsack entdeckt und spontan einen Wunsch an Weihnachtsmann und Co. abgeschickt. In Groß, bitte. Danke.

„The darkness holding me tightly“

Aber draußen scheint die Sonne. Und heute Morgen bin ich glucksend aus einem dieser Halbschlafträume emporgeschreckt.

„I put on my daily facade but then“

Mehr Musik. Mehr Konzerte. Und ein Zimmer mit perfekter Schalldämmung. Adieu, ihr Kopfhörer.

„But in the end

It doesn’t even matter“

 

* Lyrics von Linkin Park, aus dem Album Hybrid Theory

Alles wird gut: Ein Snowboard im Wohnzimmer, Teil II.

Den Glauben daran, dass alles gut wird, hat mir der SnowProfessor gegeben. Der SnowProfessor, das sind Jill und Rick und die sagen, ich kann das. Snowboarden. Jeder kann das. Hat man doch alles schon mal irgendwie gemacht. Nose, tail, posture, toes, heels, posture – alles wird gut. Und am wichtigsten ist sowieso, dass man coole Klamotten hat und ebenso cool damit aussieht (hat irgendein anderer in irgendeinem anderen Video gesagt).

Na ja, daran könnte es natürlich scheitern. Aber immerhin weiß ich jetzt, was ich mir zwischen Handgelenk und Skihose klemmen muss (Schneebälle), um nicht in Versuchung zu geraten, mit den Armen herumzuwedeln wie ein Schimpanse. Und auszusehen wie ein moron. Hübsches Wort, das.

Und wer braucht schon Knieschützer, Rick und Jill jedenfalls nicht.

Nichts wie weg also. Aktuelle Schneehöhe 110 cm. Früh-Temperatur -91° C.

Huch. Da hat doch hoffentlich jemand das Komma vergessen.

Leid tun.

Das ist so ähnlich wie mit dem Angst haben: Komisch, warum man sich manchmal leid tut. Die Katze übergibt sich aufs Sofa, beziehungsweise auf den Katzenteppich, der auf dem Sofa liegt – jetzt muss ich den Teppich waschen. Und dabei ist mir selbst schon so grummelig im Magen. Überhaupt, Montagmorgen, allein das reicht doch schon als Grund, sich ein bisschen leid zu tun.

Der Montagmorgen mit seinen wiederkehrenden Gedanken: Keiner da, der mir sagt, was ich zu tun habe. Hallo? Ist doch prima. Freie Zeiteinteilung. Aber nein, das selbst leid tun geht nahtlos ins selbst beschimpfen über: Du faule Socke, komm endlich in die Pötte, es gibt so viel zu tun. Aber zu nichts habe ich wirklich Lust (schneller Schwenk zurück zum Selbstmitleid) und überhaupt, egal, wie viel ich tue, der Stapel dessen, was immer noch zu tun ist, wird nie wirklich kleiner, denn kaum ist eine Sache erledigt, kommt eine andere hinzu.

Aber dann. Dann höre ich von jemandem, dessen Kind verunglückt ist, bei einem Unfall, ganz plötzlich, einfach so.

Der Tod.

Kaum ist er da, schon stirbt es dahin, mein Selbstmitleid an diesem Montagmorgen.

Liegt ein Snowboard im Wohnzimmer

Im Wohnzimmer gibt es neuerdings ein Snowboard zu bestaunen. Sieht schick aus. So ein Wohnzimmer gewinnt eindeutig durch ein Snowboard. Jedenfalls, wenn man genug Platz hat.

Das Wohnzimmer muss allerdings in gar nicht allzu ferner Zukunft schon wieder ohne Snowboard auskommen. Und ohne mich. Das Snowboard bekommt einen Spind, den es sich mit Skiern und Skischuhen teilt, ich bekomme ein Hotelzimmer, das ich mir mit dem Mann teile.

So ein Snowboard eignet sich auch ganz gut zum Angst haben. Jetzt im Wohnzimmer tut es noch ganz harmlos und sieht vor allem cool aus. Sobald es mit Skischuhen verbunden ist, die wiederum mit meinen Füßen verbunden sind, zeigt es allerdings seine wahre Gestalt. Beziehungsweise ich tue das.

Knieschützer machen dagegen keine Angst, sind allerdings auch viel weniger cool. Noch dazu, wenn sie dringend benötigt werden. Das mit dem Kurven fahren – na ja. Ich lerne noch.

Vielleicht wird das mit dem Winter sowieso nichts mehr. Oder die Skipiste zieht sich wieder so einen dicken Eispanzer an wie letztes Jahr. Dann geht das natürlich nicht, mit dem Lernen. Oder ich vergesse das Snowboard versehentlich im Wohnzimmer.

Vielleicht kommt aber auch alles ganz anders und nächstes Jahr brauche ich schon einen Kicker*, um auf dem Snowboard Angst zu haben. Oder ich lerne surfen, das soll auch ziemlich cool sein. Überhaupt – so ein Surfbrett im Wohnzimmer. Das hat doch was.

Angst haben kann ich für heute jedenfalls auch schon wieder abhaken: Ich habe gerade in einem Snowboardforum Beiträge zum Thema „richtig fallen“ durchgelesen. Böser Fehler.

I can fly so high, I can fall so deep**

 

* „Steile Schanze, die einen möglichst hoch und weit in die Luft katapultiert.“ – Defintion nach D.C.‘s Snowboard-Lexikon.

** Guano Apes, Lords of the Boards