Menschen! Hier sind überall Menschen!*

Kürzlich waren wir mal wieder in D. und einer unserer Wege führte zum lächelnden Bäcker. Wo wir ungefähr zweiundsiebzig Brötchen und Brezeln und Hefeknoten einkauften. Der Plan war, das Gefrierfach damit aufzufüllen, aber drei Tage später war nichts mehr zum Einfrieren übrig und ja! man kann diese Brötchen tatsächlich drei Tage später noch essen. Mit Genuss.

Die Brötchenlage hier vor Ort ist, also, nun ja. Und die Brezellage erst. A. hat kürzlich eine der Verkäuferinnen gefragt, ob sie sich nicht schämt, diese Dinger als Brezeln zu verkaufen. (Nun ja, genauso hat A. das wohl eher nicht gefragt, obwohl, warum eigentlich nicht.)

Die Brote hier in der Gegend sind dagegen durchaus in Ordnung.
(Oder liegt das daran, dass der lächelnde Bäcker keine Brote backt? (Der lächelnde Bäcker ist genaugenommen kein Bäcker, sondern Konditor.))

Aber das weltbeste Brot macht sowieso der Duplo-Bäcker. (Bei dem ich neuerdings jedes Mal ein Duplo oder ähnliches bekomme, das heißt, genau genommen bekommt m das Duplo. *hust*)
Die Brotversorgungslage ist also wunderbar, doch die Brötchen – auweia. Der lächelnde Bäcker hätte viel zu lachen.
Natürlich, die kleinen Roggenbrötchen vom Duplo-Bäcker, die sind sensationell, aber der Duplo-Bäcker ist nun mal nicht um die Ecke, zu dem muss man hinfahren und das auch noch zum richtigen Zeitpunkt, sonst ist das weltbeste Brot und die weltbeste Roggenbrötchen entweder noch gar nicht zu haben oder aber längst weg, beziehungsweise nicht längst, sondern “das letzte habe ich gerade eben verkauft.”

Direkt vor Ort ist die Brötchenlage dagegen eher desaströs; wäre man A., könnte man an Samstagen fragen, ob sie sich nicht schämen, so ein Brötchen zu verschenken, samstags bekommt man nämlich ein Samstagsbrötchen geschenkt und ich bitte Sie, man kann es wirklich nicht essen, es zerfällt schon in Brösel, wenn man es nur aus der Tüte holt (und wandert daher umgehend von der Bäcker- in die Knödelbrottüte).

Aber ich komme vom Thema ab, Thema war D. und einer unserer Wege dort. Wege nämlich geht man in D. zu Fuß.
Ich daher so zum MMM: Woah! Hier sind Menschen auf der Straße! Sooo viele Menschen!
Und der MMM später zu mir: Woah! Hier sind Menschen auf der Straße! Sooo viele Menschen!

Das hört sich vielleicht ein bisschen merkwürdig an und natürlich wussten wir, was auf uns zukommt und alles hat Vor- und Nachteile und überhaupt, aber das mit den Menschen fiel uns tatsächlich erst auf, als wir kürzlich wieder in D. waren.
Dort geht man, hier fährt man.
(In D. fährt man natürlich auch, in D. gibt es sogar Car-Sharing. Car-Sharing, haha. Lustige Idee. Ich hoffe, Ole hält noch eine sehr lange Weile durch.)

Hier jedenfalls ist kaum einer auf der Straße, zumindest nicht zu Fuß, wo soll man auch hingehen, zur Apotheke, zur Sparkasse, zum Bäcker, aber da kann man genauso gut mit dem Auto fahren, man muss ja sowieso nach XYZ, weil man dort Getränke einkauft, den Sohn vom Fußball abholt, die Tochter zum Fußball hinbringt, selbst zum Zahnarzt geht, es gibt zwei Millionen Gründe, mit dem Auto unterwegs zu sein.

Daher ist es auch völlig logisch, dass die Nachbarin, die mit dem Hund im Wald unterwegs ist, mit dem Auto zum Wald gefahren ist. Den Hund scheißen fahren, würde P. sagen und den Kopf schütteln.
Es kann natürlich zwei Millionen Gründe geben, den Hund mit dem Auto zum Wald zu fahren, Fußball, Zahnarzt (na gut, in diesem Fall eher unwahrscheinlich), Sie wissen schon. Und man soll sich nicht über Dinge auslassen, die dann vielleicht doch ganz anders sind, kürzlich nämlich liefen wir an einem leeren Auto mit laufendem Motor vorbei, mokierten uns ganz fürchterlich, Umweltverschmutzung und was soll das, schlimm, diese Leute. Wir überlegten, das Auto einfach wegzufahren, doch da kam schon der J., sagte, dies sei sein Auto und wir hätten gern damit wegfahren können, er hätte das Auto gerade erst überbrückt und müsse es jetzt noch ein wenig herumfahren, damit es dann auch wieder angeht, nachdem es ausgeht. Sprach’s und fuhr auf und davon.
Kaum war er fort, sagte die A., der J. solle besser gar nicht mehr Auto fahren, er sehe doch nichts mehr.

Ups.

Da ist man besser nicht zu Fuß unterwegs, nicht wahr.

 


* Frei nach den Fantastischen Vier und meinem Dauerohrwurm: „Lauschgift! Hiel ist übelall Lauschgift!“

Wovon ich schreibe oder auch nicht.

Übers Schreiben schreiben, das ist doch bekloppt. Begründen kann ich das nicht, aber was kann ich schon begründen. Ganz davon abgesehen, sollte ich nicht lieber schreiben, als übers Schreiben zu schreiben?

Gerade las ich Euphoria*, darin hieß es, Sprache erschwere das Verstehen, ohne Sprache verstünde man mehr und besser (oder so ähnlich).
Aber zum Verstehen ohne Sprache sollte man zumindest ein Gegenüber haben, wie soll das sonst funktionieren. Wenn ich hier sitze und übers Schreiben nachdenke, ganz ohne Gegenüber, wer soll da etwas verstehen; selbst mit Gegenüber kann das doch nicht funktionieren, wenn ich nur denke und nichts weiter? Vor allem, wo ich die Gedanken noch nicht einmal selbst zu fassen bekomme, wo ich noch nicht einmal selbst verstehe?
Das heißt, Moment. Doch, das geht, das gibt es. Da gibt es jemanden, die in vermeintlich hingeworfenen Nebensätzen etwas schreibt und ich frage mich, woher zum Einhorn, weiß sie das und wie kann sie in einem Nebensatz etwas über mich sagen, was für zehn andere, die mich viel öfter sehen, niemals sichtbar werden wird?

Aber ich schweife ab. Ich wollte doch übers Schreiben schreiben. Das wollte ich schon, seit ich von Haruki Murakami Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede, gelesen habe, in dem es gleich neben dem Laufen auch ums Schreiben geht. Dann hat mich Murakami allerdings zum Schreiben motiviert und ich habe geschrieben, statt übers Schreiben zu schreiben.

Kürzlich aber hat mich m die halbe Nacht wach gehalten. Es gab nichts zu tun, zumindest fand ich nicht heraus, was ich hätte tun können, so hielt ich „einfach“ nur das Gebrüll aus und da ich dummerweise niemand bin, die in den Pausen zwischen dem Gebrüll einszweidrei wieder eingeschlafen ist, liege ich stattdessen weiter wach und denke, zumindest in diesem Fall, über Sam nach, genaugenommen denke ich nicht wirklich nach, wer kann das schon, nachts um drei Uhr, ich nicht, ich denke also nicht, weiß aber plötzlich etwas, nämlich, dass es das war. Die Geschichte mit Sam, an diesem Punkt ist sie zu Ende, das heißt, die Geschichte geht zwar noch weiter, ich kann sie aber nicht weiter erzählen, denn Sam sagt, alles weitere ginge mich einen Scheiß an.
Und dann liege ich da, mitten in der Nacht und bin ratloser als zuvor, wusste ich doch noch nie, was das mit Sam eigentlich soll und jetzt sagt er mir, hier sei Schluss, ich hätte das Dazwischen, bis hierher und fertig. Und dann frage ich mich (zum wiederholten Mal), was für eine Geschichte das sein soll, es erschließt sich mir immer noch nicht, ich weiß auch nicht so recht, wie ich das herausfinden soll, gleichzeitig weiß ich, dass ich es schon noch herausfinden werde, irgendwie, und dann frage ich mich, was das jetzt wieder mit mir zu tun hat, denn das Schreiben, das hat doch immer etwas mit einem selbst zu tun, zumindest in meinem Fall und gerade fällt mir auf, dass ich, was mein Leben betrifft, dieses Wissen leider nicht habe (dass ich es schon noch herausfinden werde) und dann fällt mir Murakami wieder ein, der schrieb, er müsse schreiben, um sich über etwas klar zu werden (oder so ähnlich) – vielleicht schreibe ich deshalb jetzt diesen Text; als nächstes fällt mir ein, dass ich irgendwo gelesen habe, man müsse die richtigen Fragen stellen, aber das hilft mir auch nicht weiter (überhaupt hilft nie etwas weiter, so scheint es), denn was sind schon die richtigen Fragen, ich habe sie noch nicht gefunden, nicht in Bezug auf Sam, nicht in Bezug auf mein Leben und dann sitze ich und sehe aus dem Fenster, sehe die Laterne, die neue, die nicht ganz so idyllisch ist wie die alte, insbesondere, da sie momentan ein Dixi-Klo bescheint, ich sehe also auf die Laterne und wünsche mir, ich säße auf einer Dachterrasse, der T. erklärte mir zum wiederholten Mal Sternbilder, die ich längst wieder vergessen habe, frieren würde ich und in eine Kerze schauen und Gesprächen zuhören oder auch nicht, ich würde einen Whisky trinken und eine Zigarette rauchen und jemand anderes sein, aber gleichzeitig auch nicht und irgendwie schreibe ich jetzt doch nicht übers Schreiben aber vielleicht doch.

 

* Hätte mir jemand gesagt, ich würde einen Roman über Ethnologen in Neuguinea lesen, der Anfang der 1930er Jahre spielt, ich hätte laut und lange gelacht. Aber ich hatte Vater des Regens gelesen, ich wollte mehr von Lily King lesen, es gab nur dieses eine weitere Buch, was will man da machen, es lesen und ein Glück. Ich behalte es nämlich, das Buch und das, wo ich noch nicht mal ein Bücherregal habe.