Hä?

Die Regionalzeitung gelesen, Themenausgabe mit dem Thema: Migration.
Darin unter anderem eine Straßenumfrage: „Haben Sie Freunde mit Migrationshintergrund?“

Seltsame Frage.
Als würde ich meine Freunde in Kategorien wie „mit/ohne Migrationshintergrund“ einsortieren.
Als wüsste ich das überhaupt.*
Als wäre das wichtig.

 

* Na klar weiß ich das. Sind ja meine Freunde. Aber zuerst denke ich: Nö, habe ich nicht. Irgendwann später fällt mir ein: Moment. L. war doch mal Italiener. H. kommt auch aus Italien. Und wo fängt das überhaupt an, zählen auch die Ps dazu, deren Großeltern einst in Ungarn zu Hause waren? Apropos Ungarn, da wären ja noch S. und M. Und …
Ist jetzt alles gut, wenn ich Freunde mit Migrationshintergrund habe? Gehöre ich damit zu den „Guten“, darf ich mir eine weiße Weste anziehen?

Halb voll, halb leer?

Mein Glas ist leer. Fast immer. Ist ja nichts mehr drin, in so einem 0,2er Glas. Und Cola schmeckt sowieso (eis)kalt am besten.
Meine Welt dagegen: ist voll. Fast immer.
Bin ich ein Glückskind oder ist das Einstellungssache? Frage ich mich manchmal.

Ole Brumm beispielsweise. Der hat jüngst eine Auffrischungskur benötigt, ein neues Batterienherz nämlich. Das alte war ausgepumpt und leer. Also fast. Kürzlich kam schon ein freundlicher Herr vom ADAC vorbei und hat ihn, also Ole, noch einmal angeschubst. Vielleicht reicht’s ja, hat er gemeint, der freundliche Herr vom ADAC.
Es reichte leider nicht. Aber Frau, also ich, hatte vorgesorgt, mit Überbrückungskabel im Kofferraum. Als ich so überlege, bei welchem Nachbar (mit Auto) die Chancen am höchsten stehen, ihn Zuhause anzutreffen, kommt just einer angefahren, also ein Nachbar.
Kannst du mal …?
Klar, kein Problem.

Ole selbst ist auch so ein Glücksfall. Ich kannte Ole schon, als Ole noch gar nicht Ole hieß und in Besitz der Schwägerin war. Gerade zu dem Zeitpunkt, als ich mich von Vor-Ole getrennt habe, wollte sich auch die Schwägerin von Ole, der noch gar nicht Ole hieß, trennen.
Autokauf leicht gemacht.

Oder dieser Blog hier. Kaum entschließe ich mich dazu, diese Blogsache selbst auszuprobieren, werde ich gefragt: Sag, willst du hier mitmachen?
Äh. Huch. Ja!

Oder ich stehe in der Buchhandlung. Sehe das Buch herumliegen, das wir im Lesekreis als nächstes lesen werden und überlege, ob ich es kaufen soll. Entschließe mich dagegen, verlasse die Buchhandlung, laufe am öffentlichen Bücherregal vorbei und entdecke dort: genau dieses Buch.

Und, und, und.
Spricht also einiges dafür, ein Glückskind zu sein.

Aber vielleicht auch nicht.
Es lässt sich ja nicht vermeiden, auf Leute zu treffen, bei denen sich die Sache mit den Gläsern genau umgekehrt verhält. Das Glas ist voll, die Welt ist leer, böse und gemein.
Na ja, die Welt ist böse und gemein. Aber mancher, so scheint mir, sieht nur noch das Böse und Gemeine. Alle wollen sie dich ausbeuten und ausnehmen und über den Tisch ziehen und dir ein Bein stellen und dein Geld wollen sie und von dir denken sie das Schlimmste und vertrau bloß keinem.

Vielleicht lebe ich ja doch in einem Paralleluniversum.
Aber hey, es ist schön hier. Ich habe ein Dach über dem Kopf, ich habe genug zu essen und zu trinken. Und ganz viele Menschen, die sich freuen, dass es mich gibt. Fast immer, wenn ich etwas wirklich will, bekomme ich es auch. Na gut, ich will jetzt nicht so viel. Und das mit dem Lottogewinn hat auch noch nie geklappt. Aber vermutlich will ich das auch gar nicht, denn – um Himmels willen – dann müsste ich mir ja überlegen, was mit all dem Geld zu tun ist.

Ich gehe mal mein Glas auffüllen.

Vernunft und so.

berge

Wir haben die Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung in den Skiurlaub mitgenommen. Ein Fehler? Gleich am ersten Urlaubsabend habe ich den Artikel „Höhenrausch“ von Titus Arnu gelesen.
„Ist man als Wintertourist automatisch ein Naturzerstörer“, fragt er darin und: „Die Antwort lautet, leider: ja, jedenfalls meistens.“

Nicht sonderlich überraschend. Vor allem, wenn während der Urlaubstage statt der sonst üblichen Winterstille, dem „Krcchchhhch“ von Ski- und Snowboardkanten, die auf Schnee treffen und dem gemächlichen Gebrumm der Lifte das nimmermüde Gebläse unzähliger Schneekanonen zu hören ist.

Mist.

Am nächsten Tag scheint die Sonne auf schneebedeckte Bergspitzen. Blauer Himmel dahinter. Die Bäume haben Schneekleider an, die Piste fast unberührt, der Schnee abseits der Piste tatsächlich unberührt, Schneekristalle funkeln, die Oberschenkelmuskulatur seufzt nur ganz leise ob des gestrigen Gebrauchs, die Verhältnisse derart allumfassend berauschend, dass ich mir immer wieder einbilde, tatsächlich Skifahren zu können. Die nächstbeste, scheinbar aus dem Nichts kommende Bodenwelle belehrt mich eines Besseren. Auch die Jungs und Mädels im Rennanzug belehren mich eines Besseren. Schnell ist relativ.
Egal. Der nächste Geschwindigkeitsrausch kommt so sicher wie die Bodenwelle.

Am letzten Tag verabschieden wir uns vom Hotelpersonal mit einem: „Bis nächstes Jahr.“

Tja.

Abgezuckert.

Was ist das denn für Musik?, fragt der MMM.
Ich höre das Regal auf, antworte ich.

Der MMM versteht mich. Der MMM ist der Beste.
Nur die Musik findet er jetzt nicht so gut.
Ich ja auch nicht.
Aber das wusste ich bis eben noch nicht – Regal aufhören ist Teil meines aktuellen Freifläche-Projekts. Heute sind die CDs an der Reihe. Einmal durchhören, zumindest, wenn es sich aushalten lässt.
In diesem Fall eher nicht, daher: Ab auf den Flohmarktstapel.

Im nächsten Fall: Zeitreise in die Vergangenheit. Wiederentdecken längst vergessener Dauerschleifen.
Der MMM jetzt etwas entrüstet, als ich ihn mit „Ey, was geht’n Alter?“ anspreche. Ich kann aber nichts dafür, ich habe mittlerweile Kopfhörer auf. Mitsingen ist ja wohl erlaubt.

Fünf Sterne deluxe (womit auch der Titel dieses Beitrags erklärt wäre).
Bleibt.

Hoffnung?

Wenn ich schon daran scheitere, einem Menschen, der mir und der Welt gegenüber freundlich gesinnt ist, einem Menschen, der die Tür noch ein Stück weiter aufmachen würde, wenn ein Mensch in Not davor steht – wenn ich daran scheitere, diesem Menschen den Glauben zu nehmen, den Glauben daran, einen, der im Zug sitzt und dessen Haut eine andere Farbe hat, automatisch als einen von denen einzuordnen.
Wenn ich daran scheitere, mein Nicht-Verstehen in Worte zu fassen, Nicht-Verstehen über die Existenz dieser Schublade. Die. Denen. Solche.
Wenn ich weiter daran scheitere, diesem freundlich gesinnten Menschen das Verständnis zu nehmen für diejenigen, die sehr wohl in Worte fassen können, dass es doch wohl nicht sein könne, dass solche immer! die neuesten Smartphones hätten. Von unserem Geld.

Wenn ich schon daran scheitere, den Nachrichtensprechern zuzuhören. Mir ihre Bilder anzusehen. Wie sie von einer Nachricht zur nächsten wechseln, und zur übernachsten, einfach so. Und ich habe die erste noch gar nicht verkraftet. Und jetzt das Wetter.

Wenn ich in die Oper gehe, mir Macbeth anhöre und es nicht fassen kann: 400 Jahre später und im Grunde hat sich rein gar nichts verändert. Blut an allen Händen.

Wenn ich schon an der Selbstverständlichkeit scheitere, der Nachbarin, deren Bad renoviert wird, Zugang zu unserer Dusche zu gewähren, einfach so. Selbstverständlich. Stattdessen schreibe ich mir virtuelle Bonuspunkte gut und fühle mich als Wohltäterin.

Wenn ich daran scheitere, das Aufrechnen sein zu lassen.

Und daran, beim Einkaufen den Marktleiter anzusprechen. Ob er das nicht makaber findet – hier die Zeitungen mit ihren Titelblättern vom Tod, daneben das Karnevalsregal. Ein bisschen Konfetti, ein bisschen mehr Spielzeugpistolen. Piff, paff, puff.

Wenn ich daran scheitere, meine behagliche kleine Welt zu verlassen. Daran scheitere, etwas zu tun. Weil ich nicht weiß, was das Richtige ist. Weil es einfacher ist, nichts zu tun. Weil es ja doch nichts nützt.

Wenn ich schon daran scheitere.

Kleines Glück.

adapter

Untertitel:
Was nützt einem Nirvana in Zimmerlautstärke?
(Oder: Was nützt es, wenn man zwar einen Kopfhörer hat, der Adapter zum Hi-Fi-Gerät aber nur dann funktionstüchtig ist, solange sich das ihm innewohnende Kabel nicht bewegt?)
(Das da oben ist der Neue. Der erträgt auch Hüpfen, Springen, Kopf schütteln, sich im Kabel verheddern.)
(Ja, ich weiß. Es gibt auch Kopfhörer ohne Kabel.)

Jahreszeiten-Korrespondenz.

Meine liebe Frau Winter,

ernsthaft jetzt? War das wirklich schon alles? Darf ich Sie mal dezent ans Datum erinnern?
5. Januar.
5.(!) Januar (!).
Hallo?
Es ist nun wirklich – wirklich! – noch nicht an der Zeit, Herrn Frühling das Feld zu überlassen. Besser: dem Herrn eine ordentliche Ladung Schnee überkippen. Bisschen Eisregen dazu, Kälteperiode hinterher, fertig. Können Sie doch.
Denn, zugegeben: Sie haben schon ganz ordentlich vorgelegt:
Schneemannschnee, Pulverschnee, Schlittenfahrschnee, Schneeballschnee, Glitzerschnee, Im-Schnee-versink-Schnee und Dickflockenschnee, der an Oberflockenbacher Tage* heranreicht.
Allein: Das reicht nicht! Noch lange nicht!
Reißen Sie sich also bitte mal zusammen. Faulenzen können Sie später noch. Es gibt Leute, die wollen noch Skifahren. Iglus bauen. Eispfützen zertreten. Rauhreif zerknistern. Schneebälle auf Eiszapfen werfen. All sowas. Können Sie doch.
Also machen Sie bitte auch mal.
Danke.

* Oberflockenbach. Ein längst vergangener Tag eines fernen Winters, seither der Inbegriff für richtige viele, richtig dicke Flocken. Inklusive zusätzlicher Winterromantik à la schnaubende Pferde unter knorrigen Apfelbäumen auf verschneiten Wiesen.

 

Herr Frühling,

so geht das nicht. Wirklich nicht. Ich weiß, es ist schwer. Gerade für Sie. Haben Sie doch so viel Energie wie 36 Kindergartenkinder*, die sich gerade noch den Bauch mit Weihnachtsplätzchen vollgestopft haben und jetzt auf den Nikolaus warten.
Hätte ich nur eine pädagogische Ausbildung vorzuweisen. Dann könnte ich Sie problemlos in ihre Schranken verweisen. Oder Sie einfach niederbrüllen. Oder beides. Was auch immer man da so tut.
Tja.
Lassen Sie es einfach sein. Bitte. Warten Sie, bis Sie drankommen und nein, das ist weder morgen noch übermorgen, das ist frühestens Anfang März, können Sie beispielsweise hier nachlesen.
Außerdem: Ja, ja. Sie sind der Tollste. Der Superman der Jahreszeiten und durch nichts, gar nichts kleinzukriegen. Sie locken Weidenkätzchen aus dem Winterschlaf, schmelzen Eis, tauen Schnee, bringen das Gras zum Wachsen und die Vögel dazu, das Frühlingsrepertoire herauszuholen. Und so weiter und so fort. Toll. Sogar ich habe Ihnen heute zugelächelt.
Und doch: Sie sind noch nicht an der Reihe. Wir sehen uns im März.
Tschüss.

* 24 davon mit ADHS und/oder ähnlichem.

Neu?

Frau L. ist tot. Das kam nicht sonderlich überraschend – es ist schon eine Weile her, dass Frau L. ihren neunzigsten Geburtstag gefeiert hat. Aber vor allem hat Frau L. in letzter Zeit immer weniger gegessen.

So fängt das also an, das neue Jahr. Gestern noch Traumschiff*, heute ein Abschied.
Ein entfernter. Ich weiß nicht viel über Frau L. Sie mochte am liebsten Himbeerjoghurt, hielt Käse für eine absurde Idee in Anbetracht dessen, dass man auch Wurst haben kann und war bei Besuch immer herrlich aufgeregt.

So viele Menschen und ich weiß nichts kaum etwas von ihnen.
So viele Menschen nicht mehr da.
So viele Jahre vorüber.
Ein Jahr vorüber. Ein Jahr mit Frau L. und
anderen.
Draußen schwemmt der Regen den Schnee davon.

Und auch schon wieder die Hälfte des zweiten Tages vorbei. Ein paar Dinge getan, noch mehr Dinge zu tun. Vielleicht einen Schritt weiter auf diesen Ort zugegangen, an dem es nicht mehr schlimm ist, dass es immer noch mehr Dinge zu tun gibt.
(Das ist das Leben, sagte der MMM.)
Kürzlich habe ich eine dieser Zen-Geschichten gelesen. Leider finde ich sie nicht mehr – sie ging ungefähr so: Ein Novize kehrt heruntergefallene Ahornblätter zusammen. So lange, bis kein Blatt mehr am Boden liegt. Kommt der Meister und rüttelt am Baum.

2015 also. Auf ein neues.

 

* Ups. Wäre wohl besser aufgehoben in: „Enthüllungen – was besser ungesagt bliebe.“