Winterstille.

Wenn der Winter zu einem echten Winter wird – mit Schnee und Eis und kalt, ein bisschen Sonne dazwischen und noch mehr Schnee – dann komme ich immer ins Grübeln, ob der Herbst tatsächlich meine liebste Jahreszeit ist.
Weil Winter, echter Winter, so schön still ist. Herbst ist ja auch alles mögliche, aber Winter, Winter ist die Erlaubnis, sich auf dem Sofa einzurollen. Durch Schneeflockenstille zu laufen. Schneebälle in den Fluss zu werfen. Eispfützen zu zertreten. Der Winterstille hinterherzulauschen. Unbegangenes Weiß zu begehen, sich vielleicht sogar hineinfallen zu lassen.
Winter ist die Erlaubnis, nichts zu tun.
Mehr Schnee, bitte.

(Fast) Alles weg.

leeresRegal

Wo andere ein Regal bauen, miste ich lieber aus. Damit ich guten Gewissens sagen kann: „Regal? Brauche ich nicht, das würde ja doch nur leerstehen.“

Freie Flächen machen mich glücklich. Da musste nicht erst Karen Kingston kommen und ein Buch schreiben, damit ich das herausfinde.
Freie Fläche bedeutet: da stehen keine Bücher mehr, die ich irgendwann ein zweites Mal lesen werde (oder auch nicht). Da steht auch keine Kiste mehr, mit der ich irgendwann (oder auch nie) zum Flohmarkt gehe. So ein Flohmarkt, der zieht ja wieder unendliche Listen hinter, nein, vor sich her. Man muss herausfinden, wann er stattfindet, jemanden finden, der mitkommt, das ganze Zeug ins Auto packen, aber das Schlimmste am Flohmarkt: es kommt nie einer und kauft dir den Stand leer, am Ende hast du eben nur noch siebzehn Kisten statt einundzwanzig. Siebzehn Kisten zu viel.

Jetzt steht da, wo vorher ziemlich viel stand: nichts mehr. Staubflocken und ein leises: „Der Staubsauger. Hol den Staubsauger.“
Aber sonst: Nichts.
Himmlische Ruhe*.

 

* Geschichte am Rande: Der Fassadenjob ist zur Zeit voller Weihnachtslieder. Live gesungene, da lässt sich leider nichts machen. Wo es ihnen doch so viel Spaß macht.
Abgespielte, da lässt sich dann schon was machen: Heute genau bei „Himmlischer Ruh“ den Stecker gezogen.
Himmlische Ruhe zur Folge.

Nur zu.

„Nur zu“, antwortet Herr Speedhiking, als ich sein neues Regal bewundere und „Jetzt will ich auch eins“ sage.

Nur zu, ja ja.
Wenn das so einfach wäre.
(Natürlich ist es so einfach. Weiß ich doch. Eigentlich.)

Irgendwann, irgendwo bin ich über einem Persönlichkeitstest gestolpert: wie das bei Persönlichkeitstests so üblich ist, wird man in Schubladen eingeteilt, in diesem Fall anhand eines Regals, beziehungsweise der Herangehensweise an ein Regal.

Leider weiß ich nicht mehr, wie der Test hieß, weiß auch nicht mehr, wie die Schubladen hießen, weiß also überhaupt nur noch sehr wenig. Was ich mir gemerkt habe:
Eine der Schubladen war mit so etwas wie „Planen“ überschrieben. Was bedeutet, dass die Phase vor dem Regalbau ungleich länger dauert, als der Regalbau selbst. Informationen sammeln, planen, noch mehr planen und schließlich das beste aller Regale zusammenbauen.

Dann gibt es eine Schublade mit Leuten, die sofort in den Baumarkt fahren, Bretter und anderes Zubehör einkaufen und – wieder zu Hause – merken, dass die Bretter nicht durch die Haustür passen, die Farbe bei Tageslicht wie Hühnerkacke aussieht und das notwendige Werkzeug dummerweise noch bei Opa im Keller liegt. Aber egal, irgendwie klappt das dann doch mit dem Regal.

Es gab noch andere Schubladen, deren Überschriften und Inhalte ich allerdings vergessen habe.
Und es gibt meine Schublade.

Meine Schublade ist voller Bedenken. So eine Backgroundmusik, die sofort einsetzt, mir einredet, ich könne das eh nicht, Regalbau, also wirklich und selbst wenn, es fehle doch an allem, wir haben nicht mal mehr einen Akkuschrauber (bräuchte man einen?), man müsste zum Baumarkt fahren, man müsste wissen, was man will, vor allem auch, wie das gewünschte Regal überhaupt aussehen soll, und, und, und.
Die Hintergrundmusik gipfelt in der Frage: „Brauche ich wirklich ein Regal?“
Und sie wird mit Nein beantwortet. Viel zu viele Umstände. Unmöglich. Lohnt den Aufwand nicht.
Tada. Schon ist das Regal, das es sowieso noch gar nicht gegeben hat, Vergangenheit geworden.

Aber schön wäre es schon.

Nur zu.
Vielleicht ein neues Jahresmotto. Ist ja bald Silvester und nächstes Jahr wird sowieso alles anders besser noch besser. Nicht wahr?

(Fast) Alles anders.

Diese Tage, die so völlig anders ablaufen als geplant.
(Also im Grunde alle. Ausgenommen die, für die es eh keinen Plan gab.)

Der Plan sah so aus: nach H. fahren. Ole Brumm dieses Mal ohne Fehl und Tadel (na ja, seit die Klimaanlage kaputt ist, beschlagen ständig die Fenster, aber hey, er ist schließlich nicht mehr der Jüngste).
Planänderung stattdessen weil: ein Anruf von K.
Zwischenstopp in der Zentralen Aufnahme, Psychiatrisches Zentrum.

Das Leben ist manchmal seltsamer, als alles, was man sich schreibend ausdenken könnte. Oder nein, das Leben ist genauso, wie sich das mancher Schreiber ausdenkt, so einer, dem man vorwirft, sämtliche Klischees zu bedienen. Das Leben eine Vorabendserie, Folge: K. und S. in der Psychiatrie.
Außerdem dabei:
Der ältere Herr, der nicht mehr weiß, wie er hierher gekommen ist. Jetzt will er aber wieder nach Hause. Wo das Zuhause sei, will der Mann vom Empfang wissen. Der alte Mann würde das auch gerne wissen.
Dazwischen eine Frau mit Reisetasche. Sie geht ein bisschen unter im Getümmel. Da sind nämlich auch noch Sanitäter, vier an der Zahl. Zwei gehören zu dem Mann auf der Trage. Der mit dem Helm auf. Zwei gehören zu einem anderen. Den sieht man nicht, aber alle zwei Minuten hört man ihn lachen, ein Lachen, das an Hitchcock-Filme erinnert (Szene: Der irre Mörder steht mit dem Beil hinter der Tür).
Immerhin, Polizisten sind auch schon da. Zwei an der Zahl, und sie haben einen Typen dabei, der aussieht, als würde er das Klappmesser aus der Lederjacke ziehen, sollte man auf die Idee kommen, ihn (zu lange) anzusehen.
Tatsächlich zieht er eine Art Rosenkranz aus der Jacke und es stellt sich raus: die Polizisten sind zu seinem Schutz da. Er ist nämlich derjenige, der bedroht wird. Glaubt er.

Mittendrin K. und ich.
K. lenkt uns mit Rilke ab: „Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.“
Ja. Dann.
Nach Rilke kommt jemand, der mit uns reden will, so ganz offiziell, was können wir für Sie tun, warum sind Sie hier (ja, das würde ich auch gern wissen). Hauptsächlich will er natürlich mit K. reden, beziehungsweise K. soll reden, damit er das Sirren des Neonlichts nicht mehr hören/ertragen muss.
Ach so.
K. will hier nicht bleiben.
Versteh ich.

*

Später doch noch die Fahrt nach H.
Nicht vernünftig, aber notwendig. Seelenheil und so.

Dort:
Leberwurstbrot(e).
Alles wie immer.
Alles gut.
Darauf ist Verlass.
Zum Glück.

Danke.

Post aus Tirol.

Ich freue mich ja immer, wenn ich Post bekomme. Na gut, nicht immer. Hauptsächlich dann, wenn ich „richtige“ Post bekomme.

Neulich bekam ich Post vom Juffing. Das Juffing ist ein Hotel. Vielleicht das Schönste von allen. Da stimmt vieles, wenn nicht sogar alles. Aber nun ja, ich bin da nicht wirklich objektiv, vor allem nicht, seit das Juffing eine eigene Bibliothek hat. So eine, die diesen Namen verdient.
Keine, in der nur mehr solche Bücher zu finden sind, die von Gästen vergessen wurden. Oder solche, die in jeder Flohmarktkiste mindestens einmal zu finden ist. Oder die Bücher, die schon in Omis Regal standen und ein bisschen mühsam zu lesen sind. Wegen der Frakturschrift.
Nein, so eine Bibliothek ist das nicht. Mehr so eine, in der man eine regnerische Urlaubswoche verbringen kann. Oder auch zwei.

Aber zurück zur Post. Post von Hotels. Zu neunzig Prozent ist das keine „richtige“ Post. Stattdessen denke ich: Och nee. Werbung.
Und nehme mir vor, bei Gelegenheit zu schreiben, sie mögen mir künftig keine Post mehr zusenden.

Dem Juffing habe ich auch geschrieben. Ich habe von meiner Freude geschrieben: auf ihre Post, an ihrer Post, immer wieder.

In der aktuellen wurde vom Umbau berichtet und von der damit verbundenen Namensgebung der neuen alten Zimmer. Das war wieder so ein Moment, in dem ich das Buch die Post zur Seite legte, „Das kann doch jetzt nicht wahr sein“ dachte und mal eben eine Weile aus dem Fenster sehen musste.

Ich hatte nämlich folgendes gelesen:

„JA! – ich wünsche meinen Gästen eine Spiegelung von Körper und Geist, ein tiefes Erleben des eigenen Seins. Ich kann es schwer in Worte fassen – aber Skyfall [Name des Zimmers] ist etwas Eigenes, etwas, das jeder für sich selbst definieren muss. Skyfall ist für mich der Fall in alles und nichts.“

Ja und?, fragen Sie sich jetzt vielleicht. Für Sie mag das nicht sonderlich spektakulär sein. Für mich schon.
Das verhält sich nämlich so: die Geschichte aus der irgendwann, vielleicht, ein Buch werden wird – diese Geschichte habe ich unter folgendem Dateinamen abgespeichert: „allesUndNichts.doc“. Und das Kapitel der Geschichte, das am meisten reingehauen hat (bei mir zumindest), hat den Titel: Skyfall.
(jetzt bitte den Blick aus dem Fenster dazudenken)

Aber zurück zur Post.

Da stand nämlich noch mehr drin. Zuerst kam die Bibliothek ins Juffing. Dann die Autoren selbst, zu Lesungen nämlich. Und jetzt, jetzt wird es auch noch ein Aufenthaltsstipendium geben. Für Autoren.

Vielleicht ist es nicht weiter schlimm, vermutlich nie in die Verlegenheit zu geraten, für diese Aufgabe ausgewählt zu werden. Das Arbeiten würde mir denkbar schwer fallen. Bei gutem Wetter lockt die Umgebung: Berge wollen bewandert, Seen bebadet werden. Bei schlechtem Wetter lockt die Bibliothek. Und der Pool. Und das Essen.

Da hilft vermutlich nur eins: mehr Urlaub.

 

(Danke an B., wegen dem wir überhaupt erst dorthin gefunden haben.)

Nichts.

Weil mir die Decke auf den Kopf fiel, habe ich mich in einen Zug gesetzt und bin nach Süden gefahren. Was anderes sehen. Neues entdecken.

Und: Stille.

Im Zug ist Stille und auch im Süden ist Stille, denn im Süden hängt Nebel über den Feldern.
Kein Baum gleicht dem andern. Nein, das hieß eigentlich anders: Kein Baum sieht den andern / Leben ist Einsamsein.
Nebelschwaden über Moorweihern und fernes Glockengeläut. Kahle Äste und leere Felder. Nebel, der von Bäumen tropft und das Geräusch meiner Schritte. Sonst: nichts.

Auf der Zugfahrt habe ich in meinem zerfledderten Flohmarktfund* ebenfalls von der Einsamkeit gelesen. Um Briefe ging es da und darum, die Menschen, die sie schreiben, durch diese Briefe noch besser kennenzulernen.

„Sie [die Briefe] machen den Eindruck, als wenn sie von etwas herkämen, was in jedem Menschen steckt, und soweit ich es verstehe ist diese Etwas – die Einsamkeit.“

Das ist dann einer dieser Momente, in denen ich das Buch weglegen und eine Weile aus dem Zugfenster sehen muss.

 

Vom Erfolg schreibt er auch, der Herr Saroyan. Vom Erfolg und vom Applaus, den einer bekommt:

„(…) was mich gleichzeitig in Verlegenheit brachte und freute – freute, weil jeder Mensch im Grunde genommen so ein Trottel ist (…)“

Wie wahr. So ein Trottel bin ich auch.

 

Die Bücher des Herrn Saroyan habe ich infolge einer dieser lesenden Kettenreaktionen gefunden. Genau genommen habe ich sie in Flohmarktkisten gefunden, aber sie hätten mich wohl nicht weiter interessiert, hätte ich nicht zuvor irgendwo gelesen, Die menschliche Komödie von William Saroyan sei Johnny Depps Lieblingsbuch.
Wie man sich jetzt vielleicht denken kann, habe ich eine Schwäche für Johnny Depp. Und – so es denn überhaupt stimmt – sein Lieblingsbuch rechtfertigt das durchaus.

 

Wieder zurück aus dem Süden starre ich die Straßenlaterne an und frage mich, ob wohl etwas dran ist, an den Worten, die ich von dort mitgebracht habe. Oder nicht.

 

* Wesley’s Abenteuer von William Saroyan