Lobe den Herren.

Kürzlich war ich zu einem Konfirmationsjubiliäum geladen. 50, 60, 65 Jahre – der Pfarrer lud zum Rückblick. Während mir sofort der eine einfiel, der fehlt, fiel dem Pfarrer das Schaffen ein.

Schaffen – der Nicht-Süddeutsche denkt jetzt vielleicht an erschaffen, gestalten. Der Süddeutsche versteht darunter das Arbeiten. Arbeiten wie: sich anstrengen. Für acht Kinder Essen kochen, waschen, den Haushalt führen. Nebenbei noch Äcker haben, auf denen das Essen heranwächst, aber nur, wenn man Aufwand und Mühe hineinsteckt. Dann noch die Tiere versorgen, Tiere, die ebenfalls zum Essen da sind, nicht zum Streicheln oder Liebhaben. Und schließlich noch all das, womit Geld verdient werden muss.
Der Pfarrer sagte, der Faule könne nie glücklich werden, die Arbeit an sich sei das, was glücklich mache, sie sei auch das, was übrig bleibt, das, wovon man später erzählt, das, worauf man zurückblickt, worauf man stolz ist, was einen erfüllt. Das erlebe er in Gesprächen mit älteren Menschen immer wieder, sagte der Pfarrer.

Ob er wohl die falschen Fragen stellt?

Der eine, der fehlt, hielt auch viel vom Arbeiten. Hat viel gearbeitet. War er glücklich? Ich hoffe. Ist es das, was mir in Erinnerung bleibt? Nein. Mir bleibt in Erinnerung, wie er sich auf einen Nebensatz hin davongestohlen hat, um wenig später mit einem Kuchen zurückzukommen und mein verdattertes Erstaunen mit einem verschmitzten Lächeln zu kommentieren. Seine unbändige Freude darüber, jemanden glücklich zu machen.

Erst das Wie macht das Was, hat Ferdi hier geschrieben. Für mich ist es das Wie, das bleibt. Nicht das Was.

Sarojasattel.

Oder: Mal eben von einem Land (Österreich) ins andere (Liechtenstein) gewandert.

Mal eben – das ist natürlich gelogen. 1.000 Höhenmeter hinauf, 1.000 Höhenmeter hinunter. Hinunter sendet das Knie gegen Ende vermehrt „jetzt reicht es aber wirklich“-Signale und ist kurz vor dem Einknicken. Hält dann aber doch.
Ja, es reicht. Auch wenn ich am liebsten gleich wieder hinauf will. In die Stille, die laute Stille, die alles übertönt.

Wind, der an Felsen abprallt, sich aufschwingt und wieder abfällt; Wind, der zieht und zaust, der sichtbare und unsichtbare Dohlen im Gepäck hat; Dohlen, die sich in Tiefen fallen und in Höhen hinauftreiben lassen, spielend, mühelos, leicht.

Stille. Auch wenn eine Hummel an mir vorbeibrummt, der Wind im Zusammenspiel mit Tannenwipfeln und Felswänden die Krimmler Wasserfälle imitiert; Stille, auch wenn eine Herde Kühe glockenbimmelnd und Gänseblümchen fressend den Hang entlang zieht.
So still.

Keine Gedanken mehr in meinem Kopf. Kein sollte, müsste, könnte, hätte, wenn doch nur, was soll nur, wie und was und wohin eigentlich.

All das, was da unten über mich hereinbricht, kaum dass ich morgens die Augen öffne, ist da unten geblieben. Mit jedem Schritt verliert es an Einfluss. Der Berg verlangt meine Aufmerksamkeit. Auch das ist gelogen: er verlangt nicht, er bekommt. Steht da und steht. Mehr nicht. So viel.

Anfang? Ende?

einEnde

„Mit welcher Systematik gehst du denn da ran?“
„Ich fang vorne an und hör hinten auf.“
„Du wirst nicht glauben, dass da irgendwann ein Ende kommt?“
(aus dem Trailer des Kinofilms „Wir sind die Neuen“)

Kaum habe ich die Wäsche im Kleiderschrank untergebracht, ist schon wieder eine Waschmaschine zu füllen. Gerade komme ich mit der abgehakten Einkaufsliste vom Supermarkt zurück, greife ich nach der letzten Rolle Klopapier. Erst gestern habe ich ein Stück Garten vom Wucher befreit, heute ist alles schon wieder zugewachsen.
In dem Hörbuch*, das mich momentan begleitet, sträubt sich einer der ermittelnden Polizisten dagegen, den kaputten Scheibenwischer an seinem Auto zu ersetzen. Täte er es, würde ja nur wieder etwas Anderes kaputt gehen.

Ich kann ihn gut verstehen.
Es hört einfach nie auf.
Oder vielleicht doch.

 

* Håkan Nesser, „Die Frau mit dem Muttermal“

Wenn die Luft steht (II)

Wenn die Luft steht, macht Autofahren Freude. Trotz aller Sitzfestkleberei und zerzauster Haare (die Fenster müssen natürlich geöffnet sein – Klimaanlage ist was für Amateure). Dann noch die richtige Musik und – hey! – schon haben die Radiomenschen jemanden glücklich gemacht. Mich.
Ja, so leicht geht das.

Leicht?

Leider ist das mit der richtigen Musik im Radio so eine Sache. Die kommt da nämlich nie. Kaum. Und wenn, erwische ich meist nur die letzten Takte. Dann fangen die wieder an zu quatschen oder es kommt ein dämlicher Jingle, so etwas wie: man spiele gerade sechs Lieder am Stück und das sei ganz toll, das gäbe es nirgendwo sonst, ohne Unterbrechung, sechs Lieder am Stück und wirklich gar keine Unterbrechung.
Bevor das nächste Lied beginnt, bin ich längst bei einem anderen Sender gelandet. Nur: da ist es auch nicht besser.

Der geneigte Leser könnte sich jetzt natürlich fragen, warum ich nicht selbst für die richtige Musik sorge. Tja. Mein Auto kann nur Radio und Kassette. Ja, Kassette; und ja, diesen Zustand könnte man bestimmt ganz leicht ändern.
Aber nein, stattdessen nehme ich Kassetten auf. Oder: nehme mir vor, Kassetten aufzunehmen. Kassetten aufnehmen ist tendenziell eine eher umständliche Sache und meist dauert es ungefähr fünf aufgenommene Lieder lang, bis ich die Lust daran verliere. Beim nächsten Aufnehmen habe ich vergessen, was ich beim letzten Mal aufgenommen habe und nehme die gleichen fünf Lieder noch einmal auf.
Irgendwann landet die Kassette im Auto und ich hör sie und hör sie und hör sie, bis ich sie nicht mehr hören kann.
Dann wieder Radio.

Aber: Alles wird gut. Denn: am Ende der Fahrt: der Baggersee (ein anderer). 24° Wassertemperatur, die Dame an der Kasse wartet schon auf uns.

 

Wenn die Luft steht*.

„Das würdest du doch auch machen“, sagt die eine Frau zur anderen Frau hinter uns. Sich in die Schlange drängeln einreihen, meint sie. Der Schlange zum Badesee. 23,2° Wassertemperatur. Wäre man nur schon drin.
Während die Schlange vor sich hin steht, macht der MMM im Fünf-Minuten-Takt Vorschläge, wie hier alles besser schneller laufen könnte.

„Hm, ja, stimmt schon“, gibt hinter uns die andere Frau der einen zur Antwort.
Natürlich würde man das genauso machen. Würde man nur jemanden kennen. Weiter vorn in der Schlange. Zu dem könnte man gehen, lässig Hallo sagen und die missbilligenden neidischen Blicke der Dahinterstehenden gekonnt ignorieren.

Ich sonnenverbrenne mir die Schultern, während die Frauen hinter uns den Schuldigen der Misere Warterei finden: die Stadt.
Die Stadt, das sagt auch die Frau, die später ihr Handtuch neben uns ausbreiten wird. Man ist sich einig.
Die Stadt betreibt diesen Badesee. Dieses Jahr hat die Stadt ein neues Kassensystem eingeführt. Das neue Kassensystem braucht vier Sekunden, um einen Kassenbon auszudrucken. Der MMM hat das während des Schlangestehens mal eben hochgerechnet und kam dabei auf eine Zahl, die alles einiges erklärte.

Aber das Problem steht ja auch vor der Kasse.
Man steht da nämlich so. Verbrennt sich die Schultern. Guckt missbilligend diejenigen an, die drei Meter weiter vorn jemanden kennen, lässig Hallo sagen, sich einreihen und so tun, als gäbe es die missbilligende Blicke um sie herum gar nicht. Das Rot der Schultern wird noch einen Tick intensiver, während man über Prozessoptimierung nachdenkt und zuhört, wie die Leute hinter einem über Prozessoptimierung reden.
Und dann: – Huch! Nicht zu fassen! – Ist man plötzlich dran. Wo ist nur der Geldbeutel? Wie viel kostet das? Was, Sie brauchen einen Schülerausweis? Warten Sie, ich hab die 3 Euro 30 auch in 1-Cent-Stücken.

23,2°
Alles wird gut.
 

* Titelsponsor heute: die Fantastischen Vier: Raus. Das hat zwar inhaltlich rein gar nichts mit heißen Tagen zu tun, nichtsdestotrotz fällt mir die Zeile nahezu an jedem heißen Tag mindestens einmal ein.

Brenne auf, mein Licht.

In der Nacht gibt es nur die Straßenlaterne und mich. Abgesehen vom Kater, der miauend an der Tür steht und der Meinung ist, es wäre an der Zeit für die nächste Portion Futter (der Kater ist quasi durchgehend der Meinung, es wäre Zeit für die nächste Portion Futter).
Tagsüber sehe ich die Laterne gar nicht, obwohl sie natürlich da ist. Doch tagsüber ist so viel Ablenkendes um sie herum: Bäume, Wolken, Krähen, Elstern, Nachbarn, Kindergartenkinder, Kirchtürme, …
Nachts verschwindet die Welt, nur die Laterne bleibt übrig.

Die verschwundene Welt ist vernünftig und längst zu Bett gegangen. Ich sollte das auch tun. Um zehn Uhr beginnt meine nächste Schicht. Zehn Uhr, das ist natürlich nicht sonderlich früh, doch wenn man bis zwei Uhr wachbleibt und vor zehn Uhr noch unzähliges Grillgut einkaufen und eine Liste für die Kollegin schreiben will; wenn man darüber hinaus überhaupt kein Morgenmensch ist, vor allem dann nicht, wenn man erst nach Zwölf ins Bett gegangen ist – dann, ja dann sollte man vernünftig sein, dem Kater seine Portion Futter in den Napf füllen, der Straßenlaterne Gute Nacht sagen und: schlafen.

Mit der Vernunft ist das so eine Sache.

Vom Verschwinden.

Heute habe ich es mal wieder getan. Ich habe dir etwas erzählt. Von mir. Wie ich ins Schlingern gekommen und fast vom Fahrrad gefallen bin.
Ah ja, hast du gesagt und dass die Gerste bald reif sei.

[Keine Sau interessiert sich für das, was ich erzähle. Keine Sau interessiert sich dafür, wer ich eigentlich bin.]*

Früher hat mich das zum Verschwinden gebracht.
Heute verschwinde ich nicht mehr so schnell. Was bleibt, auch heute noch, ist leise Wehmut nach dem, was nie sein wird.

Ich habe andere Dinge von dir bekommen, bekomme sie jetzt noch. Die Freude in deiner Stimme, wenn ich da bin. Das Wissen, dass ich niemand sein muss, um jemand zu sein. Das Vertrauen, dass alles gut wird. Gut ist. Loslassen – eins deiner Spezialgebiete. Du lebst mir vor, dass man einfach nur fragen muss, um das zu bekommen, was man braucht.
Und da ist noch so viel mehr.

Nur das mit der Aufmerksamkeit. Das ist nicht so dein Ding.

 

* Glaubenssätze. Vermutlich veraltet.

Finisher!

Endlich weiß ich, was mal aus mir werden könnte, wenn ich groß bin: Ich gründe zusammen mit der Schwester, dem Schwager, dem Neffen und der Schwiegermama ein Anfeuerungsunternehmen. Die notwendige Ausrüstung dazu haben wir schon: eine Ratsche, eine Vuvuzela, eine Handklapper, so komische Luftballons, die man zusammenschlagen kann, unsere Arme, Hände, unsere Stimmen.
Gestern haben wir das Ganze getestet, es gab ausreichend Gelegenheit: 12.859 Teilnehmer, 42,195 Kilometer. Hauptziel unserer Anfeuerungen war natürlich der MMM – nicht zu fassen, wie schnell der laufen kann. Und wie lange. Bestimmt nur auch wegen uns.
Wir können das nämlich richtig gut. Also anfeuern. Das war ganz eindeutig an den gequälten Lächeln in schmerzverzerrten, schweißüberströmten Gesichtern zu erkennen.

edit:
Um nicht falsch verstanden zu werden: „Und wie lange“ sollte so viel heißen wie „Meine Güte, ich hätte das keine drei Kilometer lang durchgehalten“. Und nicht: „Jesses. Fünf Stunden und er ist immer noch nicht am Ziel.“