Lesen und schreiben.

Heute wieder so ein Tag, an dem ich abends, also jetzt, der Meinung bin, überhaupt nichts getan zu haben, nichts für mich und auch nichts von der unendlichen Liste der zu erledigenden Dinge.

Das stimmt so natürlich nicht, ich habe mindestens zwei Telefonate geführt, Telefonate geben in meinem Fall bekanntlich Sonderpunkte, ich habe Dinge aus dem Haus fort geschafft und andere Dinge wieder ins Haus geholt, ich habe Ole Bewegung verschafft (kaum ist es kalt, zickt er wieder rum), mir einen Stempel abgeholt und bestimmt noch siebentausend andere Sachen erledigt.

In einer der überraschenden Pausen, in denen ich tatsächlich für mich und nur für mich sein konnte, habe ich in Flugschnee von Birgit Müller-Wieland* hineingelesen, und ich lese zwei Sätze und denke: „Ah! Das könnte vielleicht auch gehen**“ und ich schreibe mir auf, was vielleicht gehen könnte und dann schreibe ich gleich weiter und schreibe immerhin knappe drei Seiten, bevor schon wieder etwas anderes dazwischen kommt.

Dann geht mir immer noch Lize Spit im Kopf herum, also ihr Buch, Und es schmilzt, ich wollte es eigentlich gar nicht lesen, dann habe ich es doch gelesen und natürlich, ich hätte es besser nicht gelesen, schon gar nicht, bevor ich mich ins Bett lege und eigentlich schlafen will, das mit dem Schlafen konnte ich erst mal knicken, weil ich – obwohl ich das Buch eher großzügig überflogen hatte – die Wörter und Bilder nicht mehr aus dem Kopf bekommen habe. Vorhin dann habe ich im Netz dazu herum gelesen und irgendwo stand, diese fragliche Szene, die eine, bei der sich einige fragen, muss die so brutal sein, muss die so ausführlich und gnadenlos geschildert werden, also die Szene, die ich versuchte, zu überfliegen (mehr noch als ich das Buch sowieso schon nur überflogen hatte), aber eben nicht überflogen genug, es blieb doch zu viel hängen, jedenfalls, diese Szene, irgendeiner schrieb irgendwo, das sei doch nun wirklich äußerst unwahrscheinlich, dass so etwas*** auf diese Weise geschehe. Und ich fühlte mich an Literaturkreisabende erinnert, an denen ich es auch kaum je verstanden hatte, wenn andere sagten, das sei doch nun wirklich unwahrscheinlich, unrealistisch, nicht nachvollziehbar, das würde doch niemals so stattfinden, im „echten“ Leben.
Doch, genauso würde das stattfinden. Das ist ja unter anderem das Unaushaltbare daran.

Und dann frage ich mich gleich als nächstes, ob das nicht auch eins der Dinge ist, die ich bewirken will, als Autorin, oder was heißt bewirken, ich glaube ja nicht so recht daran, dass es überhaupt möglich ist, etwas (bestimmtes) zu bewirken und ich will auch gar nichts bewirken, aber wenn es passiert, wenn ich weiß, jetzt „muss“ ich das so schreiben und es ist nicht schön, überhaupt nicht und dann doch diese Freude daran, das nicht-schöne tun zu dürfen, es anderen**** zuzumuten.

 


* Alles nur wegen der Juffing-Post und der Juffing-Literaturabende, auf einem von ihnen wird nämlich die Autorin zu Gast sein.
** Eine mögliche Antwort auf diese Frage(n).
*** Um jetzt nicht auch genau das zu machen, was mich anderswo genervt hat und was mit einer der Gründe war, warum ich das Buch dann doch gelesen habe, nämlich herausfinden, was da jetzt eigentlich so schreckliches passiert – es passiert (unter anderem) folgendes – Achtung Spoiler: Anhängselfreundin Eva wird von ihren beiden „Freunden“ im Auftrag einer weiteren „Freundin“ mit Gartengerät(en?) vergewaltigt und das wird, wie schon gesagt, äußerst ausführlich und detailgetreu beschrieben.
**** Nun ja, was heißt anderen. Das meiste bekommt sowieso (noch?) keiner zu lesen.

Allgemein

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